Nachbetrachtung der "Schongauer Nachrichten" vom 6.12.2016

 

Der himmlische Dauerbrenner

 

„Sind sie nicht großartig? Jeder ein Unikat. Ich bin so froh, dass ich sie habe: die Eschenloher.“ Gerd Anthoffs Augen blinzeln vergnügt. Seine Begeisterung ist echt und spontan. Gerade hat er gemeinsam mit den vier Eschenloher Sängern und Anton Schönach, sehr griffig und berührend an der Zither, wieder den weihnachtlichen Klassiker, Ludwig Thomas „Heilige Nacht“, gestaltet.

 

heilige nacht mit gerd anthoff

 

von dorothe fleege

 

Schongau – Während von draußen, vom gut besuchten Schongauer Adventsmarkt, die Alphornbläser in den Saal föhnen – leider nicht in der gleichen Tonart –, schwingt sich im liebevoll geschmückten Ballenhaus Besinnlichkeit ein. Ideal ist diese Kombination nicht, weder fürs gesprochene noch gesungene Wort, aber Anthoff und die Musikanten lassen sich nicht in ihrer Konzentration stören. Wie oft sie diesen Thoma schon interpretiert haben, wissen sie nicht mehr. „Nein, ganz ohne Koketterie, bitte, das wird nicht gezählt. Oft, sehr oft, und es ist einfach immer wieder schön.“

 

Manche feiern bereits seit 2015 das „Hundertjährige“ des biblischen Geschehens aus dem Lukasevangelium, von Thoma, in der Mundart „seiner“ Bauern kurzerhand vom tief verschneiten Oberbayern adoptiert. Der Oberammergauer Försterssohn sollte damit einen himmlischen Dauerbrenner schaffen, der für unzählige Zuhörer zur Advents- und Weihnachtszeit einfach dazu gehört.

 

Thoma packte auch Sozialkritik in seinen Text, und weit entfernt vom bloßen heimelige Geschichten erzählen liegt auch der Ansatz von Anthoff und seinen Mitstreitern. Die voluminöse, weich sonore Stimme des prominenten Schauspielers ist mit den Jahren noch ein bisschen dunkler geworden. Sein Dialekt klingt sogar für preußische Ohren ein bisschen wie Musik. Ob er mit schwerem Atem durch Schneewehen stapft, als Josias grantelt und schimpft, dass man sich am liebsten die Decke über die Ohren ziehen möchte, oder jauchzend zum engelsgleichen Halleluja anhebt, während Gerd Anthoff spricht, schenkt er seinen Zuhörern stets ein ganz farbiges, plastisches Bild vom Geschehen. Als ob man durch ein Fernrohr vom Himmel aus ganz genau zuschauen könnte.

 

Man hört den Schnee unter den genagelten Schuhen, riecht die beißende Kälte, mummelt sich behaglich in Heu und Stroh neben dem Ochsen als lebendigem Nachtspeicherofen. Und man bekommt ein Gespür für die Leut‘, wie sie halt sind – auch heute noch: abweisend, fremdenfeindlich, besitzergreifend genauso wie hilfreich, aufmerksam, liebevoll, großzügig und voller Demut.

 

Das macht die Qualität dieses Abends aus. Der unverfälschte, authentische Viergesang der gestandenen Mannsbilder Sepp Dichtl (Bass), Clement Mangold, Jakob Schönach und Martin Wörner (Tenöre) aus Eschenlohe passt dazu wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Glattgebügelter Schöngesang entspricht nicht ihrem Klangideal. Sie bleiben ihren Wurzeln treu, sind auf der Spur in ihren Texten. Dichtl, über 20 Jahre auch als Senner tätig, ist in den späten Siebzigern. „Bim-bam, bim-bam“, sein schwarzer, tiefer Bass dröhnt tatsächlich wie Glockengeläut, während sich aus den Reihen der Tenöre der Schlussjodler einschmiegt.

„Ich bin ein altmodischer Mensch. Ich fände es schön, wenn wir am Ende, wie es bei uns Tradition ist, miteinander noch den Andachtsjodler singen würden.“ Gerne folgt der bestens besetzte Saal Anthoffs Aufforderung. Seine Bescheidenheit, die a bisserl abgeschabten Haferlschuhe, die schon oft getragene Lederhosen, die Strickjoppe, sie sind kein Kostüm, keine Masche. Das sind Spuren einer alltäglich beatmeten Lebensphilosophie. Auf den Inhalt, nicht auf die Verpackung kommt es an. Auch dafür darf man Gerd Anthoff dankbar sein. dorothe fleege